Mobilität statt Autos verkaufen.Dies würde uns zu anderen Technologien und Infrastrukturen führen.
Die Autoindustrie sollte ihren zukünftigen Erfolg an einer anderen Frage messen: Wie gut gelingt es ihr, Menschen an ihr Ziel und Waren zuverlässig an ihren Bestimmungsort zu bringen – mit möglichst wenig Energie, Rohstoffen, Flächen und Zeit?
Damit würde sich der Unternehmenszweck grundlegend erweitern. Im Mittelpunkt stünde die Beförderungs- und Transportleistung. Das Fahrzeug wäre eines von mehreren technischen Mitteln, um diese Leistung zu erbringen.
Ich bin überzeugt: Dieser Perspektivwechsel könnte zu ganz anderen Technologien und Infrastrukturen führen.
Wer Autos verkaufen will, muss dafür sorgen, dass Menschen Autos kaufen. Wer Mobilität gewährleisten will, muss herausfinden, wie Menschen ihre Ziele am besten erreichen. Aus diesen unterschiedlichen Aufgaben entstehen unterschiedliche Lösungen.
Für den Weg zur Arbeit braucht ein Mensch eine verlässliche Verbindung. Für den Einkauf benötigt er Zugang zu Waren. Für einen Arztbesuch muss er sicher, bequem und pünktlich ankommen können. Ob dafür ein eigenes Auto erforderlich ist, hängt davon ab, welche Alternativen tatsächlich zur Verfügung stehen.
Genau dort beginnt die eigentliche Entwicklungsaufgabe.
Ein Mobilitätsunternehmen könnte verschiedene Verkehrsmittel zu einem durchgängigen Angebot verbinden: gemeinschaftlich genutzte Fahrzeuge, bedarfsgerechte Zubringer, leistungsfähige Schienenverbindungen sowie sichere Fuß- und Radwege. Buchung, Bezahlung und Anschlüsse müssten so zusammenwirken, dass die gesamte Reise einfach wird. Auch Menschen auf dem Land, ältere Menschen und Menschen mit Einschränkungen müssten sich auf dieses Angebot verlassen können.
Dafür reicht es nicht, bestehende Fahrzeuge mit einem anderen Antrieb auszustatten. Auch die Infrastruktur gehört auf den Prüfstand. Welche Wege brauchen wir? Welche Transporte lassen sich bündeln? Wo können Personen- und Güterverkehr dieselben Korridore nutzen? Wie können wir Bewegung ermöglichen und zugleich Lebensräume zurückgewinnen?
Ein Zukunftskonzept dafür ist die Mobilitätspipe: ein geschützter Verkehrskorridor, in dem unterschiedliche Formen der Fortbewegung räumlich aufeinander abgestimmt werden. Denkbar wären eine elektrisch betriebene Bahn in der Mitte sowie davon sicher getrennte, großzügige Rad- und Fußwege. Eine transparente Überdachung könnte vor Regen und Schnee schützen; geeignete Dachflächen könnten zusätzlich der Stromerzeugung dienen.
Eine solche Verbindung könnte Wohngebiete, Ortszentren, Arbeitsplätze und Freizeiteinrichtungen miteinander verknüpfen. Gerade in einer ländlichen Region wäre zu untersuchen, ob daraus ein attraktives Netz zwischen den Orten entstehen kann.
Die Mobilitätspipe ist dabei ein Vorschlag, dessen Nutzen sich an konkreten Bedingungen beweisen müsste. Baukosten, Flächenbedarf, sommerlicher Wärmeschutz, Belüftung, Sicherheit, Barrierefreiheit und laufender Betrieb müssten sorgfältig geprüft werden. Ein erprobbarer Abschnitt könnte zeigen, welche Ausführung sich bewährt und ob Menschen das Angebot im Alltag annehmen.
Entscheidend ist die neue Fragestellung: Welche Infrastruktur ermöglicht die beste Mobilität bei möglichst geringem Gesamtaufwand?
Auch für Unternehmen eröffnet sich damit eine andere Sicht auf den Warentransport. Gemeinsam organisierte Lieferungen, regionale Umschlagpunkte und abgestimmte Transportketten könnten helfen, einzelne Fahrten besser auszulasten. Die Aufgabe wäre, Güter zuverlässig bereitzustellen und dafür den gesamten Weg von der Produktion bis zum Empfänger zu betrachten.
Für die Autoindustrie läge darin eine unternehmerische Entwicklungschance. Ihr Wissen über Fahrzeugbau, Antriebe, Fertigung, Sicherheit und Steuerung könnte in umfassende Beförderungssysteme einfließen. Einnahmen könnten stärker daran geknüpft werden, dass Mobilität zuverlässig funktioniert. Damit daraus ein gesellschaftlicher Fortschritt wird, müssten die Angebote bezahlbar, zugänglich und auch außerhalb nachfragestarker Zentren verfügbar sein.
Politik und Kommunen hätten die Aufgabe, dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen: mit langfristiger Planung, verbindlichen Qualitätsanforderungen und Raum für praktische Erprobung.
Wir sollten Fortschritt künftig daran messen, wie gut Menschen ihre Ziele erreichen und wie sparsam wir dafür mit unseren Lebensgrundlagen umgehen.
Der Auftrag an die Industrie lautet deshalb: Gewährleistet Mobilität. Entwickelt die Fahrzeuge, Technologien und Infrastrukturen, die dafür am besten geeignet sind.
Aus diesem Auftrag könnte eine neue industrielle Stärke entstehen – und eine Mobilität, die den Menschen dient.