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, von Eckhard Bock

Die Zukunft der Autoindustrie liegt in der Mobilität

Warum die Beförderung von Menschen und der Transport von Gütern zum eigentlichen Unternehmensziel werden sollten

Der Autoindustrie muss klar sein: Die kommenden 50 Jahre lassen sich nicht einfach als Fortsetzung der vergangenen 50 Jahre planen. Jahr für Jahr weltweit viele Millionen neue Pkw herzustellen und die dafür notwendigen Straßen, Parkplätze, Produktionsstätten und Versorgungssysteme weiter auszubauen, ist keine überzeugende Zukunftsstrategie für einen begrenzten Planeten.

Die Größenordnung ist gewaltig: 2024 wurden weltweit rund 67,7 Millionen Pkw produziert. Hinzu kamen Nutzfahrzeuge, Lastwagen und Busse. Hinter jedem Fahrzeug stehen Rohstoffgewinnung, Energieeinsatz, industrielle Fertigung und schließlich die Aufgabe, Materialien möglichst vollständig zurückzugewinnen.

Natürlich ersetzt ein Teil der Neuwagen ältere Fahrzeuge. Dennoch bleibt die grundlegende Frage: Wie viel Material, Energie und Fläche wollen und können wir dauerhaft aufwenden, um Menschen und Güter zu bewegen?

Ich bin überzeugt: Die Autoindustrie muss ihren unternehmerischen Auftrag weiterdenken. Ihr wichtigstes Angebot sollte künftig eine verlässliche, sichere, komfortable und bezahlbare Beförderungs- und Transportdienstleistung sein – vor Ort, zwischen Regionen, über Landesgrenzen und im Zusammenspiel mit weltweiten Verkehrsnetzen.

Damit würde sich der Maßstab ihres Erfolgs verändern: Entscheidend wäre, wie gut sie die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen und die Transportaufgaben der Wirtschaft erfüllt.

Vom verkauften Fahrzeug zur erfüllten Aufgabe

Menschen möchten ihre Arbeitsstelle erreichen, einkaufen, Freunde besuchen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen oder verreisen. Unternehmen benötigen Rohstoffe, Bauteile und Waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Das Fahrzeug ist ein Mittel, um diese Aufgaben zu erfüllen. Daraus ergibt sich eine andere unternehmerische Ausgangsfrage: Wie lässt sich eine bestimmte Beförderungsleistung mit möglichst wenig Aufwand und möglichst hoher Qualität gewährleisten?

Wer so fragt, betrachtet das gesamte System: Wege, Auslastung, Umstiege, Wartezeiten, Energieversorgung, Wartung und Infrastruktur. Plötzlich wird interessant, wie sich Fahrten bündeln, Leerfahrten vermeiden und unterschiedliche Verkehrsmittel sinnvoll miteinander verbinden lassen.

Ein Unternehmen, das an einer zuverlässig erbrachten Mobilitätsleistung verdient, hätte einen stärkeren wirtschaftlichen Anreiz, seine Fahrzeuge langlebig, reparierbar und effizient zu gestalten. Lange Nutzungsdauer und geringer Ressourcenbedarf könnten unmittelbar zum Geschäftserfolg beitragen.

Voraussetzung wäre allerdings, dass die Geschäftsmodelle und politischen Rahmenbedingungen diese Ziele tatsächlich belohnen.

Ein anderer Auftrag für Forschung und Entwicklung

Eine solche Neuausrichtung würde auch die Forschungsfragen verändern.

Wie wenig Fahrzeugmasse muss bewegt werden, um einen Menschen bequem und sicher ans Ziel zu bringen? Welche Transporte lassen sich bündeln? Wo sind Schienenverbindungen sinnvoll? Welche Aufgaben erfüllen kleine, bedarfsgerecht eingesetzte Fahrzeuge besser? Wie können Fuß- und Radwege so gestaltet werden, dass sie auch bei ungünstigem Wetter attraktiv bleiben?

Auch geschützte Verkehrskorridore, automatisierte Transportsysteme oder neue Formen der Güterverteilung könnten aus dieser Perspektive untersucht werden. Ihr Nutzen müsste sich an Sicherheit, Energiebedarf, Flächenverbrauch, Bauaufwand und tatsächlicher Alltagstauglichkeit messen lassen.

Dabei reicht der Blick auf den Antrieb allein nicht aus. Zur Energiebilanz gehören ebenso die Herstellung der Fahrzeuge, der Bau und Erhalt ihrer Infrastruktur sowie die Bereitstellung und Speicherung der benötigten Energie.

Das Ziel sollte anspruchsvoll sein: eine hochwertige Mobilität, die mit einem Bruchteil des heutigen Ressourcen- und Energieaufwands auskommt. Welche Einsparungen erreichbar sind, muss für das jeweilige Gesamtsystem nachgewiesen werden. Eine neue Unternehmensstrategie allein garantiert noch keinen technischen Durchbruch. Sie kann aber den Auftrag dafür schaffen.

Verlässlichkeit wird zum eigentlichen Produkt

Aus Sicht der Menschen zählt die gesamte Reise. Eine schnelle Verbindung hilft wenig, wenn der Anschluss fehlt, der Weg zur Haltestelle unsicher ist oder abends keine Rückfahrt angeboten wird.

Deshalb müsste ein Mobilitätsanbieter Verantwortung für zusammenhängende Wege übernehmen. Dazu gehören einfache Buchung und Bezahlung, barrierefreie Zugänge, verlässliche Anschlüsse und belastbare Lösungen bei Störungen.

Gerade im ländlichen Raum würde sich zeigen, wie ernst dieser Anspruch genommen wird. Eine zukunftsfähige Mobilität muss auch kleinere Orte, ältere Menschen, Familien und Menschen ohne eigenes Auto erreichen.

Für Unternehmen gilt derselbe Gedanke: Sie brauchen planbare Lieferketten und passende Transportkapazitäten. Daraus könnte ein Geschäftsfeld entstehen, in dem Fahrzeughersteller, Verkehrsunternehmen, Logistikbetriebe und Infrastrukturbetreiber gemeinsam eine durchgängige Leistung anbieten.

Wettbewerb um die beste Versorgung

Damit könnte ein anderer Wettbewerb entstehen: Wer gewährleistet die beste Erreichbarkeit? Wer transportiert Waren zuverlässig mit dem geringsten Material- und Energieeinsatz? Wer bietet hohe Qualität zu tragbaren Kosten?

Die Autoindustrie verfügt über technisches Wissen, Produktionskompetenz und Erfahrung mit komplexen Systemen. Diese Fähigkeiten könnten die Grundlage eines umfassenderen Mobilitätsgeschäfts bilden. Der Wandel müsste dabei schrittweise erfolgen und die Beschäftigten mit ihren Qualifikationen einbeziehen.

Auch die Politik wäre gefordert. Sie müsste dafür sorgen, dass Angebote zusammenpassen, der Zugang bezahlbar bleibt und keine Abhängigkeit von einzelnen marktbeherrschenden Plattformen entsteht. Eine Mobilitätsdienstleistung erfüllt ihren gesellschaftlichen Zweck erst dann, wenn sie den Menschen im Alltag tatsächlich mehr Möglichkeiten eröffnet.

Für mich liegt darin die entscheidende Zukunftsfrage der Branche: Welchen Beitrag will sie künftig zur Versorgung und Lebensqualität leisten?

Der Verkauf eines Fahrzeugs schließt heute ein Geschäft ab. Eine verlässliche Beförderungs- und Transportdienstleistung begründet eine dauerhafte Verantwortung.

Die Zukunft der Autoindustrie sollte daran gemessen werden, wie gut sie Menschen und Güter ans Ziel bringt – und wie wenig Energie, Rohstoffe und Fläche sie dafür benötigt.

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